Mila und das Licht
hinter dem Mond
Als Mila an diesem Abend die Decke bis zur Nasenspitze zog, klopfte etwas ganz leise ans Fenster.
Tick. Tick. Tick.
Draussen sass ein kleiner Stern auf dem Fensterbrett. Er war kaum grösser als eine Walnuss und hatte einen seiner Strahlen in einen Schal gewickelt.
«Ich glaube, ich habe mein Leuchten verloren», flüsterte er.
Mila rückte ein Stück zur Seite. «Dann ruh dich erst mal aus», sagte sie. «Hier ist es warm.»
Die Leseprobe weiterlesen
Der Stern schlüpfte durch den Fensterspalt. Vorsichtig setzte er sich auf den Rand von Milas Kissen. Er war so leicht, dass nicht einmal eine kleine Delle entstand.
«Wo hast du es denn zuletzt gesehen?», fragte Mila.
Der Stern dachte nach. «Über dem Wald war es noch da. Da habe ich einem Fuchs den Heimweg gezeigt. Und am Fluss habe ich für die Entenkinder geleuchtet, bis alle unter dem Flügel ihrer Mutter waren.»
«Und dann?»
«Dann war ich müde.» Er sah auf seine blassen Strahlen. «Vielleicht habe ich alles aufgebraucht.»
Mila betrachtete ihn eine Weile. Dann holte sie ihren weichsten Socken aus der Schublade und legte ihn neben sich. «Das ist dein Schlafsack», sagte sie.
Der Stern streckte erst einen Strahl hinein, dann die anderen. Nur seine Nasenspitze schaute noch heraus.
«Muss ich denn gar nichts mehr machen?», fragte er.
«Heute nicht mehr.» Mila legte ihren Kopf aufs Kissen. «Ich auch nicht.»
Vor dem Fenster bewegte der Wind einen Zweig. Sein Schatten wanderte langsam über die Zimmerdecke, hin und her, als würde er das Zimmer wiegen.
Mila hörte, wie im Flur eine Tür leise zuging. Sie hörte den Atem des kleinen Sterns. Und irgendwann hörte sie nur noch die Stille.
Als sie die Augen noch einmal einen winzigen Spalt öffnete, schimmerte es neben ihrem Kissen. Nicht hell. Nur ein bisschen. Gerade genug, um die Maschen des Sockens golden zu färben.
Mila lächelte. Sie musste es dem Stern jetzt nicht sagen. Das konnte bis morgen warten.
Sie zog die Decke ein kleines Stück höher. Draussen blieb der Mond noch eine Weile wach.
Und drinnen durfte alles schlafen.

